Juhuuu, endlich mal wieder anpacken, schuften, schwitzen und vor allem vom lieben Vieh umgeben sein! Und das in einer grün-behügelten Postkartenlandschaft, wo sich Kuh und Pferd „Jute Nacht, Mate!“ sagen.

Pferdeschlaraffenland!
Des und Irene, beide fast siebzig, haben ihren Ferien-Reitbetrieb vor einigen Jahren aufgegeben und widmen sich nun der Züchtung von Australian Stock Horses, haben nebenbei ein paar Kühe und besitzen ein riesiges Grundstück auf dem sie ab und zu mal nebenbei ein Haus bauen. So auch als wir ankamen. Die ersten Tage verbrachten wir damit, die Pfähle einzuzementieren. Hört sich erst mal unspektakulär an – isses aber nicht! Der Beton kam direkt aus dem Mischer (also ich meine einen Betonmisch-LKW) und wurde erstaunlich zielgenau in die ca. 1m tiefen Löcher geschüttet, so dass die Pfähle nun „nur noch“ ausgerichtet werden musste. Aufgrund einer Überzahl an Reinpfuschern (uns freilich ausgenommen) und dem nicht ausreichend flüssigen Beton verloren wir eine Menge Zeit und Schweiß. Bei ca 35°C um 12Uhr mittags trocknet Beton ja recht fix ein, wie man sich vorstellen kann und da die ganze Aktion eher semi-professionell angegangen wurde (ja, nen Schuppen haben sie schon mal gebaut, aber gleich ein ganzes Haus?!), mussten wir nach kurzer Zeit den Beton erst wieder zerkloppen und bewässern, bevor die Pfähle versenkt werden konnten. Ein Heidenspaß bei den Temperaturen!
Schnell wurde ich auf’s Pferd gesetzt und noch schneller hatte ich mir den eher cowboy-mäßigen Reitstil der Aussies anzueignen, um die Pferde für den Verkauf zu trainieren, die jedoch die längste Zeit nur herumgestanden hatten. Auch ein paar halbwüchsigen Fohlen sollte ich die grundlegenden Verhaltensregeln eintrichtern, worauf sie sehr unterschiedlich reagierten. Ich muss schon sagen: wenn reiten und Pferdetraining zur Arbeit ausarten, hat das nüscht mehr mit dem Freizeitspaß zu tun, den ich bisher kannte. Spaß gemacht hat es immer noch, aber die Pferde waren alle recht ungezogen und zeigten Unarten, die ich bisher noch nicht kannte.
Nico schwang sich unter meiner ungeduldigen Anleitung auch allabendlich aufs Pferd, aber ich bin echt kein Reitlehrer – der arme Kerl. Alle zwei Tage trieben wir im Sonnenuntergang hoch zu Ross die Kühe von der Weide und dabei stellten wir Stadtkinder uns erstaunlich gut an.

Ab, ab im Gallopp!
Wir wohnten in unserem Campervan, die Alternative wären Caravans gewesen, in denen uns die Betten aber zu schmal und kurz waren. Die äußerst pünktlich eingenommenen Mahlzeiten beinhalteten meistens das, was der Gemüsegarten hergab und wir wurden nicht aufgefordert uns je nach Bedarf am Kühlschrank zu bedienen. Als Nico ein mal um etwas mehr Schinken bat, wurde er schief angesehen, bekam ihn dann aber doch. Also eher spatanisch, das ganze, aber die Arbeit gefiel uns und so kam es, dass wir auch den ein oder anderen Nachmittag durchackerten. Am Wochenende hatten wir nur einen Tag frei und dass auch nur, weil wir den Samstag durchmachten. War aber alles kein Problem.
Den Sonntag verbrachten wir dann in den Glasshouse Mountains und waren nach der knallharten Woche tatsächlich noch fit genug, auf einen der Berge raufzuklettern. Zurück am Auto wunderte ich mich noch, dass die Zentralverriegelung beim Aufschließen nicht klackte und Kram auf den Vordersitzen lag, der vorher hinten verstaut war. Erst als ich nach der versteckten Handtasche mit den Papieren suchte und sie nicht fand, haben wir realisiert, dass irgendein Scheißkerl ins Auto eingebrochen und alles durchwühlt hatte. Netterweise hat er uns den Laptop und die Kamera dagelassen, sodass wir die Kreditkarten direkt sperren konnten. Pässe, Führerscheine und Kohle waren natürlich samt der Tasche weg.
In der Polizeistation war keiner zu Hause, also planten wir, am nächsten Tag nach der Arbeit noch mal hinzufahren, wie wir telefonisch instruiert wurden.
Nico war mit leichtem Fieber ein bisschen angeschlagen und arbeitete daher seine Stunden am Nachmittag ab, wenn es etwas kühler war. So düste ich alleine auf’s Dorfrevier um den Vorfall zu melden. Pustekuchen, das ginge ja nur unter telefonisch und nein, bis jetzt wurde noch nichts gefunden. Also umsonst da hingefahren, statt Mittagspause zu machen. Von unseren Hosts bekamen wir kein Mitleid, aber immerhin durfte ich deren Telefon benutzen, um die Meldung zu machen, was dann ca. 2 Stunden dauerte, bis alles aufgenommen war. Zum Glück sind die Menschen bei solchen „Hotlines“ immer sehr nett und geduldig mit uns Touries.
Dienstag Abend gab es den ersten Zwischenfall, als Des meinte, er müsste im Dunkeln noch mit einem jungen Pferd arbeiten, das er mich einzufangen bat. Dat Vieh war natürlich richtig angepisst, denn abends runter vonner Weide und wech vonne Kollegen fand jetzt nicht soo gut. Nachdem es anständig Theater gemacht hatte, zog Des ihm dann eine Dachlatte über den Hintern, worauf das Tier mir fast auf den Arm sprang. Anstatt seine Unlust aber an ihm auszulassen, biss es mir in einem unbeobachteten Moment mal eben in die Schulter. Nur gut, dass es nicht meine Wange oder mein Ohr erwischt hat! Das war mein erster Pferdebiss und damit war meine Illusion, nur gebissen zu werden, wenn man sich dumm anstellt auch hinüber. Das Prügeln mit Latten und Planken gehört nicht zu meinen Umgangstönen und sollte in keiner Pferdeerziehung ein Bestandteil sein! Gesagt habe ich aber nichts, obwohl es mal an der Zeit war, über das Missverhalten der Pferde im allgemeinen zu sprechen. Durch das fehlende Handling waren sie alle mittlerweile wieder halb verwildert und sehr ungezogen.
Die Bestätigung folgte gleich am nächsten Tag, als mich der Riesenkerl „Lee Roy“ (bei dem Namen kann man ja nur bekloppt werden!) beim Satteln in den Zaun quetschte, woraufhin meine Kniescheibe rausrutschte. Zum Glück waren Nico und einer der Söhne gerade in der Nähe, ansonsten hätte es echt böse enden können. Die blöde Kniescheibe blieb auch erst mal draußen, rutschte aber noch während des Anrufs beim Notarzt wieder rein. So konnten wir selbst ins Krankenhaus fahren. Gütigerweise hatte ich von Irene nach einigen Diskussionen dann auch ein Kühlkissen mit einem sauberen Handtuch bekommen und nicht nur das sutige Abwaschtuch.
Den Nachmittag verbrachten wir also im Krankenhaus, wo ich nach dem ergebnislosen Röntgen mit Krücken, einer altbekannten Schiene und einem Termin bei einem Orthopäden in einem anderen Krankenhaus verwöhnt wurde. Ich konnte dem ca. 17-jährigen Unfallarzt sogar noch eines der krankenhauseigenen Kühlkissen abschwatzen.
Auch nach diesem Unfall wurde uns wenig Mitgefühl gezeigt, geschweige denn, dass mal wer fragte, wie denn das eigentlich passiert sei.
Am nächsten Tag kam es dann zum Supergau, als ich versuchte, die Sättel zu putzen und feststellte, dass ich das im Sitzen aber nicht tun konnte. Zum Stehen hatte ich noch zu große Schmerzen und Nico gebot mir dann auch nach dem ersten Sattel Einhalt. Des hatte ja auch gesagt, wenn’s nicht geht, soll ich relaxen. Dummerweise stand aber Irene daneben, als Nico mir riet aufzuhören. Sie fing dann erst damit an, dass ich ja jetzt einen Tee trinke und dann könnte ich schon weitermachen und wurde ungehalten, als Nico meinte, ich würde euch lieber gar nichts mehr tun. Wir hätten hier ja schließlich einen Deal und würden ja bei ihnen essen und wohnen (wohnen???) und sie hätten sich ja auch um Nico so gekümmert, als er krank war usw. Da platzte Nico dann doch die Hutschnur und er wurde tatsächlich ebenfalls laut und erklärte ihr erst mal, dass wir deutlich mehr als die vereinbarten vier Stunden gearbeitet hatten, auch als er krank war und dass es keinen gekümmert hat, dass er mit Fieber am Haus weitergeschuftet hatte. Sie fing dann an zu zetern er solle weggehen, das wäre ihr Grundstück, er solle mich in Ruhe arbeiten lassen, wäre faul und käme mit dieser Einstellung in Australien nicht weiter. Nachdem sie ihn dann auch noch beleidigt hatte, meinte er, wir packen jetzt unsere Sachen und gehen. Ich bat ihn, den Vormittag noch am Haus zu Ende zu arbeiten, damit uns niemand was vorwerfen könnte.
So verließen wir dieses „gastliche Heim“ ziemlich erschrocken und auch traurig. Diese Woche war echt so schon nicht unsere beste Zeit und dass wir dann auch noch an eine so unfaire Person geraten waren, machte es nur noch schlimmer…