Als wir Windaroo endlich hinter uns ließen und unser neues zu Hause auf Rädern für den letzten Feinschliff zu Ikea lenkten, überkam uns ein freudig-freies Gefühl der Spannung, was uns wohl auf unserer Tour durch Queensland alles erwarten würde. Mit einer nagelneuen Matratze im Gepäck machten wir uns also auf in Richtung Cairns. Zuerst wollten wir mal Strecke machen und so landeten wir auf einem wenig atmosphärischen Rastplatz, den wir auch leider erst im Dunkeln erreichten. Hach, wie aufregend war es, das erste mal mit unserem nagelneuen Gaskocher (stolze zwei Platten!) Nudeln mit Pesto zuzubereiten! Die erste Nacht schliefen wir eingelullt vom Farbgeruch ohne besondere Vorkommnisse.
Mit der Campingbibel Camps3 (inzwischen gibt es schon Nr.6) ausgerüstet, findet man so gut wie überall kostenlose Campingplätze. Manche liegen leider dicht am Highway, andere am Meer oder in Nationalparks, jedenfalls sind sie mindestens mit Toiletten (immer recht sauber), manchmal auch mit Gasgrills und kalten Duschen ausgestattet. Unsere Mitcamper sind stets gesellige Menschen (meistens australische Rentner, die fast das ganze Jahr über mit ihren Caravans unterwegs sind), die uns stets mit Rat (über andere Rastplätze, Ausflugstipps) und Tat (Motorinspektion: Yeah, die Zündkerzen könnten mal gewechselt werden) zur Seite stehen. Viele von ihnen reisen gemeinsam mit Hund, Katze oder in vielen Fällen auch irgendwelchem Federvieh, sind versessen aufs Angeln und ihre Wohnwagen sind hin und wieder größer als so manche Einzimmer-Wohnung in Berlin.
Unser letztes Aldi haben wir leider schon am ersten Tag hinter uns gelassen, aber nicht ohne nochmal Vorräte zu bunkern. Lebensmittel sind dummerweise seeehr teuer hier, vor allem wenn man sich nicht nur von Nudeln und Dosentomaten ernähren will. Aus Platz- und Energiegründen haben wir keinen Kühlschrank, sondern nur eine Mini-Kühlbox (hier als Eskie bekannt und das Lieblingsaccessoire jedes Australiers), die ungefähr fünf Stündchen kühl hält. Aber auch nur das, was vorher schon kalt aus dem Laden kam. Daher essen wir die verderblichen Dinge (Eier, die so herrlich satt machen, Käse, Milch) haufenweise oder eben gar nicht. Luxusartikel, wie Joghurt, Feta, Salat, Fleisch oder ähnliches gibt es nur, wenn sie direkt aus dem Laden in unseren Magen kommen. Inzwischen haben wir auch gelernt, die Milch sehr vorsichtig zu probieren um nicht nach einem herzhaften Schluck in Spuckkrämpfe auszubrechen. Ist zwar alles etwas umständlich und die Kost recht limitiert, aber es klappt schon (noch).
Hier kommen einige Highlights der ersten drei Wochen mehr oder weniger stichpunktartig, denn wir haben sooo viel gesehen und erlebt…
Tierbegegnungen: Delphine (mit dem Fernglas in Town of 1770), einen Megalangnasen-Igel mit Stummelschwanz (auch 1770), Schnabeltiere (im Eungella Nationalpark), große Warane/Echsen (am Finch Hatton Gorge), Frosch, der sich als Stück Seife getarnt hat, Eulen, fleischsüchtiger Helmkasuar (bei Banbinda, The Boulders), Schildkröten, schwarze Schlange (im Volcano Lakes Nationalpark), spiegelverrückte Vögel und stets riesige Ratten, die einem des Nachts um die Füße wuseln.
Camperfraß: morgens kalte Fischstäbchen mit baked Beans, Würstchen mit Maiskolben, gekochtes Ei, Spiegelei, Rührei, Omelette, immer wieder Zucchini, Kürbis, Blumenkohl usw.
andere Camper:
– verkiffter Opa, der seit sieben Jahren unterwegs ist, sich einen Hut aus seinen eigenen Haaren gefilzt hat und sich mit mir auf biologische Diskussionen eingelassen hat. Als ich ihm mit Ultraschallbildern und Fortpflanzungsmethoden von Feldhasen und Rehen kam, war sein Standpunkt nur noch: Sei nicht zu überzeugt davon. Aha, war jedenfalls eine sehr einseitige Gesprächsrunde. Dafür war er in der Lage, trotz Meeres- und Windesrauschen zu hören, wie eine Maus röchelt, wenn sie von einer Python erwürgt wird…
– fünf Mannheimer Elektro-Glatzköpfe, die zusammen in EINEM Bus unterwegs waren, der so groß bzw. klein war, wie unserer. So was kann man hier für sehr viel Geld mieten, wenn man wenig Zeit und Plan hat. Die haben dort in ca. 30cm breiten Hochbetten zusammengepfercht geschlafen und wussten wohl selber nicht, was sie überhaupt in Australien wollen.
– vier sympatische Wirtschaftsinformatik-Studenten, obwohl das ja eigentlich ein Paradoxon ist. Mit denen haben wir drei wundervolle Tage mit Hacky Sack spielen, Wein süffeln, Würstchen rösten, Rum vernichten, Frisbee schleudern, baden und vorm Kasuar flüchten verbracht. Nebenbei haben wir gemeinsam ein physikalisch-physiologisches Gesetz entdeckt: wenig essen+ viel Rum trinken + dann im Sonnenuntergang in die eiskalten Fluten eines Gebirgsbaches springen= sofortige Vervielfachung der Betrunkenheit inklusive black out und folgender Ataxie. Wer zu wenig Alkohol für einen ordentlichen Rausch und eine große Menge an sehr kalten Wasser zur Verfügung hat, möge dies beides kombinieren, um die Wirkung des Getränkes zu steigern.
Campingplätze:
Wir haben meistens auf kostenlosen Campingplätzen übernachtet, hin und wieder in Nationalparks, wo es 5$/Person kostet und ab und zu auch mal „illegal“, entweder, wenn es wo sehr schön war oder wenn kein angemessener Ort in der Nähe aufzutreiben waren. Bis jetzt wurden wir nie verscheucht. Einmal wähnten wir uns in unserer Abgeschiedenheit zu sicher und hüpften mit Zahnbürste in der Gusche und ohne Klamotten am Leib auf dem Parkplatz (der auf einer absolut verlassenen Landzunge lag) herum, als uns fiese Scheinwerfer erfassten und wir in kopfloser Flucht in den Bus hechteten. Ein im Durchmesser ca. 5cm großer Bluterguss mit Abschürfungen zweiten Grades auf dem Oberschenkel, eine Beule am Haupt und ein Lachkrampf waren die Folgen dieses Zusammenstoßes.
Einer der Nationalpark-Campingspots im Hochland war nur über eine dirt road zu erreichen, welche in trockenem Zustand kein Hindernis für unseren Supervan darstellte, aber natürlich regnete es nachts, so dass die Rückfahrt zur Rutschpartie wurde. Zusätzlich sorgte die Höhenluft und die Feuchtigkeit dafür, dass der Motor zum ersten Mal Zicken machte, so dass wir schon befürchteten, dort im Hinterland vom Nirgendwo festzusitzen. Zwei ambitionierte Franzosen, ein kraftvoll gezogener Choke und Nicos Geduld brachten unseren Steve-Wonder-Van dann aber doch zum Laufen.
Bis jetzt hat uns unser veralteter Campingführer nur einmal zu einem veralteten Campingplatz geführt, der wohl einer Flut oder so zum Opfer gefallen ist. Für unser Auto stand aber noch ein Rest Straße zur Verfügung und so verbrachten wir eine einsame, ruhige Nacht zwischen Ententeichen an einem Flüsschen umgeben von Kühen und Pferden, die sich morgens auch noch zu einer Streichelstunde haben hinreißen lassen, haaaaach wie schön!
Ein einziges mal haben wir aus Faulheit und Unwohlsein doch mal auf einem „richtigen“ Campingplatz geschlafen. Das hat uns dann auch gleich mal 30$ gekostet- das wären in Thailand mindestens fünf Nächte gewesen. Aber so darf ich wohl einfach nicht mehr weiterrechnen! Dafür hatten wir dann ein Schwimmbad, schöne Sanitäranlagen und eine Art Küche im Freien. Nach einer Bahn war’s das aber für uns mit dem Schwimmen, denn es war viel zu anstrengend und einfach richtig kalt! Außerdem wussten wir vor lauter Hardcore-Kraulern, rasenden Rückenschwimmern und querschießenden Schmetterlingsdümplern gar nicht mehr wohin wir uns retten sollten. Unter der Dusche haben wir dafür rekordverdächtige Noten im Lang- und Heißduschen abgesahnt. Insgesamt wollen wir aber weiterhin vermeiden, kostenpflichtig zu nächtigen, das lohnt einfach nicht!
Schlafplätze an Flüssen, Seen oder am Meer und in Nationalparks stehen hoch im Kurs. In Cairns gibt es ein ruhiges Fleckchen direkt vor der Polizeiwache. Da fühlt man sich einerseits richtig sicher und wird noch nicht mal von Sirenen geweckt, denn entweder haben die da keine Bereitschaft, oder Cairns ist der friedlichste Ort der Welt. Das dachte sich auch Gevatter Schnapsleiche, der die Nacht in der Deckung unseres Vans verbrachte und morgens beinahe mit dem Trittbrett verwechselt wurde.
Sportliche Betätigung und Fitness-Zustand:
Der tapfere Nico lässt sich ohne all zu viel Murren von mir zu größeren Spaziergängen und kleineren Wanderungen animieren, auf denen wir trotz gut angelegten und ausgeschilderten Wegen so gut wie nie auf Mitläufer stoßen und stets mit schönen Aussichten, Wasserfällen und richtig dichtem Regenwald belohnt werden. Die vier Tage tauchen mit je vier Tauchgängen pro Tag waren zwar anstrengend, aber als Sport würd‘ ich das nu nich rechnen. In der ersten Woche hab ich mich zur Gym mitschleppen lassen, wo es nach einer Runde Powerhüpfen und Hausfrauenboxen an die Gewichte ging. Davon tut mir der Rücken nun immer noch weh, das zeigt wohl, in was für einer desolaten Gesamtverfassung ich mich befinde. Ähnlich erging es Nico während seiner Wakeboard-Woche, in der er stets so geschwächt und gemuskelkatert war, dass alles was nicht mit nem Board und Wasser zu tun hatte mir überlassen war. Die sportliche Betätigung bleibt insgesamt so ziemlich auf der Strecke, weil wir beide nicht gerne schwimmen und das das einzige wäre, wofür man keine weiteren Accessoires benötigt… Mein Versuch, jeden Tag wenigstens ein paar Liegestütze, Sit ups und Kniebeugen zu machen, ist quasi schon beim dran denken gescheitert (bzw. in Asien an der Hitze und hier an der fehlenden Privatsphäre)! Wird Zeit, dass wir wieder mal arbeiten!
Die Körperhygiene passt sich ziemlich schnell den Umständen an, und wenn man keine Tankstelle mit Trucker-Duschen findet und noch nicht mal eine kalte Campingplatzdusche zur Verfügung steht, muss man eben mal drei bis vier Tage warten und auf die gute, alte Katzenwäsche zurückgreifen. Nun fällt auch die sehr oberflächlich aus, da man ja stets von Mitcampern umgeben ist. Aber Zähneputzen haben wir noch nie ausfallen lassen! Ehrlich wahr!! Unser Tagesrhythmus hat sich dem Sonnenlicht angepasst, denn morgens werden es sofort 40°C im Van und abends kommen die Mücken, Bremsen und Sandflöhe, wenn man drinnen das Licht an hat. So kommt es vor, dass man gegen 20Uhr schlummert und um sieben aus dem Auto kraucht, um sein Tagwerk zu beginnen.
Was mir am Campen langsam auf die Nerven geht, ist der Umstand, dass man ALLES in der Öffentlichkeit tut, außer schlafen. Gerade hier in der Gegend von Cairns gibt es nun mal keine Campingplätze, so dass wir in den übelsten Luxus-Strandorten unser Geschirr abwaschen müssen, ich auf dem Supermarktparkplatz den Campingkocher aufstelle, um Kaffee zu kochen und man sich wo man eben geht und steht mittendrin die Zähne putzt.
Dafür ist es echt stark, so völlig unabhängig unterwegs zu sein und einfach dort zu halten, wo es einem gefällt. Die anderen sind alle auf Busse oder organisierte, teure Touren angewiesen und ich sach meinem Chauffeur einfach: “Hierhin, da hin und dort wird geschlafen!“ und dann düsen wir los. Den Linksverkehr erwähne ich hier gar nicht, denn der ist ja ÜBERHAUPT GAR KEIN Problem für einen so versierten Autofahrer. Wir sind auch nur ganz am Anfang zweimal so ein ganz bisschen in der Gegenspur gelandet…